Neue Kontakte, neue Ideen: ZWAR-Konzept begeistert Wermelskirchener

GKV-Projekt ermöglicht neue Netzwerkgründung

Kommen 50 oder 420? Die Mitarbeiterinnen der Stadtverwaltung Wermelskirchen hatten im Vorfeld Wetten darüber abgeschlossen, wie viele Menschen der Einladung zur Gründungsveranstaltung des neuen ZWAR-Netzwerks folgen würden. Entsprechend gespannt standen sie an den Eingängen des Rathauses bereit, um die Bürgerinnen und Bürger als lebendige Wegweiser in den großen Ratssaal zu lotsen. Doch die Orientierung fiel leicht: Die zahlreichen Interessierten brauchten lediglich dem stetigen Besucherstrom zu folgen, der bis zum Beginn der Veranstaltung nicht abbrach.

Rund 320 Menschen waren es schließlich, die auf den blauen Stühlen im Ratssaal Platz nahmen und wissen wollten: Was ist ein ZWAR-Netzwerk und was bringt mir das ganz persönlich in meinem Leben rund um den Ruhestand?

ZWAR steht für Austausch, Freude und Selbstbestimmung

Bürgermeister Bernd Hibst machte in seiner Begrüßung Lust auf das neue Netzwerk, das in seiner Stadt durch das Projekt GisoN des Bündnisses der Gesetzlichen Krankenkassen finanziert wird. „ZWAR steht für ‚Zwischen Arbeit und Ruhestand‘ aber eigentlich steht es für etwas viel Größeres: Nämlich für gemeinsame Unternehmungen, für Austausch, Freude und Selbstbestimmung. Und deshalb ist es nicht nur ein Netzwerk für Menschen, die sich kurz vor dem Ruhestand befinden, sondern für alle, die in einer besonderen Lebensphase sind und Lust haben, etwas Neues zu entdecken oder mit anderen etwas zu bewegen. Oder einfach neue Menschen in der Stadt kennenzulernen.“

Er selbst habe schnell Anschluss gefunden, als er der Liebe wegen nach Wermelskirchen gezogen sei. „Ich kenne aber auch viele Menschen, die hier leben und in Köln oder Leverkusen ihren Job haben, dort viel mit Kolleginnen und Kollegen unterwegs sind und bei der Aussicht auf Ruhestand plötzlich feststellen, dass sie nur wenige soziale Kontakte in der Stadt haben.“

„Netzwerke fallen nicht vom Himmel“

Genau hier setzt das ZWAR-Konzept an. „Es geht darum, in der eigenen Stadt durch gemeinsame Interessen tragfähige Netzwerke aufzubauen, die bis ins hohe Alter bestehen“, erklärte Beraterin Ute Schünemann-Flake vom ZWAR e. V., die gemeinsam mit der künftigen Netzwerkbegleiterin Sabine Salamon (Fachstelle „Älter werden“) durch den Abend führte. „Denn im hohen Alter fallen Netzwerke nicht vom Himmel.“ Wer bereits im Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand Verbindungen knüpfe, sei später weniger von Einsamkeit betroffen.

Das bestätigte auch Hans-Albert Kausemann vom ZWAR-Netzwerk Wipperfürth, der in Wermelskirchen von seinen Erfahrungen berichtete. „Als ich noch berufstätig war, habe ich Kollegen erlebt, denen es nicht leichtgefallen ist, mit dem neuen Lebensabschnitt klar zu kommen“, erzählte er im Gespräch mit Ute Schünemann-Flake auf dem Podium. „Da wollte ich Vorsorge treffen.“ Deswegen folgte er 2019 dem Einladungsschreiben zur Netzwerkgründung in seiner Heimatstadt. Nun ist er seit sieben Jahren aktiver ZWARler, moderiert die Basisgruppentreffen und freut sich über einen vollen Terminkalender und neue Kontakte.

Der Wunsch danach war auch in Wermelskirchen deutlich spürbar. In vier kleineren Gruppen beschäftigten sich die Menschen mit den Fragen: Was hat sich seit dem Eintritt in den Ruhestand bzw. seit Beendigung der Familienphase geändert? Welche Erwartungen habe ich an den Ruhestand? Welche Träume, Wünsche, Ideen sind auf der Strecke geblieben? Und: Was möchte ich gemeinsam mit anderen in der Gruppe tun?

Strukturverlust und viel Zeit für neue Pläne

Offen berichteten die Menschen von ihren Erfahrungen im Ruhestand. „Ich habe einen massiven Strukturverlust erlebt, weil die geregelten Arbeitszeiten weggefallen sind“, sagte ein Besucher. „Ich bin in der Coronazeit in den Ruhestand gegangen. Es ist alles weggebrochen. Ich musste mich komplett neu erfinden“, sagte eine Besucherin. „Ich habe es mir viel einfacher vorgestellt, meine Zeit zu füllen. Aber ich habe viel zu wenig zu tun und suche etwas Kontinuierliches“, so ein anderer.

An Wünschen für neue, gemeinsame Aktivitäten mangelte es nicht. Malen, Walken, Hunde-Training, Tanzen, Handarbeiten, gemeinsame Reisen und Radtouren, Spielen – von Doppelkopf über Skat bis hin zu Brettspielen – die Wermelskirchener sprudelten nur so vor Ideen. Wohnprojekte fürs Alter könnte man in einer Gruppe in den Blick nehmen oder die Frage, wie man den Ort schöner machen könnte. Eine Männerkochgruppe fand ebenfalls viel Zustimmung. „Ihr werdet sehen, was ihr alles könnt. Und das Schönste ist, wenn die Frau am Ende fragt: Und das hast du gemacht?“, warb ein Besucher mit Erfahrung in solch einer Kochgruppe für die Idee.

Fähigkeitenbörse für Jung und Alt

Auch die Fähigkeitenbörse wurde begeistert aufgenommen. „Sie kann auch gern generationsübergreifend sein. Vielleicht brauche ich mal einen jungen Mann, der mir ein Loch im Garten buddelt und dafür back ich ihm einen Kuchen“, erklärte Besucherin Marlies ihre Idee. „Jeder kann auch Fähigkeiten aus seinem Berufsleben mit einbringen: Der Handwerker kann für mich einen Nagel in die Wand schlagen und ich könnte ihm dafür vielleicht bei etwas anderem helfen.“

Auch diese Idee wurde – wie alle Überlegungen für gemeinsame Aktivitäten – an großen Stellwänden notiert. Jede Gruppe stellte im Anschluss ihre Vorschläge im Plenum vor. „Ich habe gedacht, dass ich alles mache, worauf ich Lust habe. Und in der Gruppe habe ich dann gemerkt: Stimmt gar nicht“, sagte Besucherin Anke lachend. „Ich habe noch viel mehr gefunden, was mich interessiert.“ „Diese Vielfalt an Ideen hat mich wirklich überrascht“, sagte auch Besucherin Martina. Beide Frauen sind neugierig, wie es mit den vielen Ideen weitergeht, und wollen zum ersten Basisgruppentreffen des neuen ZWAR-Netzwerks am 30. März kommen. Dort wird es dann um die konkrete Planung der ersten Aktivitäten gehen.

Auch wer bei der Netzwerkgründung nicht dabei war, ist herzlich eingeladen, am 30. März (Montag) von 18 bis 20 Uhr in den kleinen Saal des Rathauses zu kommen. Danach soll das Basisgruppentreffen in jeder geraden Woche im Monat stattfinden – jeder kann jederzeit hinzustoßen. Fragen beantwortet Netzwerkbegleiterin Sabine Salamon unter Tel. 02196 710551, E-Mail: s.salamon@wermelskirchen.de