Wenn Hitze krank macht: Klimawandel wird zur Gesundheitsgefahr

Dr. Sonja-Marie Micudaj klärte in der Kulturschmiede Greven über die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels auf

Der Klimawandel ist laut Weltgesundheitsorganisation die größte Gesundheitsbedrohung für die Menschheit. Dass diese Gefahr alles andere als abstrakt ist, wurde jetzt bei dem informativen und kurzweiligen Vortrag von Dr. med. Sonja-Marie Micudaj in der Kulturschmiede Greven deutlich. Im Fokus standen vor allem die Hitze, ihre Auswirkungen auf den Menschen – und warum die verordnete Medikation an heißen Tagen richtig gefährlich werden kann.

„Wir können uns körperlich an die Hitze kaum anpassen“, stellte Dr. Sonja-Marie Micudaj, Fachärztin für Allgemeinmedizin in Ladbergen, zu Beginn des Vortrags klar. „Der Körper kann Wärme abstrahlen, schwitzen und die Atmung beschleunigen. Das war’s.“ Deswegen sei es notwendig, den Klimawandel auszubremsen. „Sonst werden wir uns nicht anpassen können. Wir können uns nicht ausreichend an Hitze gewöhnen.“

Die heißen, länger anhaltenden Hitzewellen betreffen sehr viele Menschen gleichzeitig. „Es ist wie ein großer Unfall mit ganz vielen Beteiligten, und auch die Rettungsfahrzeuge stecken drin“, verdeutlichte sie die problematische Situation und erinnerte an die prekären Zustände in den unklimatisierten Krankenhäusern. Viele Menschen sterben an den Folgen der Hitze. „Bei Hitze ist das Herz stärker belastet. Es muss deutlich mehr arbeiten. Da stehen dann Herzinfarkt oder Herzversagen im Totenschein, aber Ursache dafür ist die Hitze“, nannte sie ein Beispiel.

Hitzschlag bedeutet akute Lebensgefahr

Auch die Gefahr eines Hitzschlags bei hohen Temperaturen rief sie den interessierten Zuhörenden ins Bewusstsein. „Bei einem Hitzschlag haben wir 30 Minuten Zeit, um zu reagieren. Es herrscht akute Lebensgefahr. Wenn Sie jemanden sehen, der an heißen Tagen bewusstlos auf der Parkbank liegt, gehen Sie nicht erst einkaufen und schauen danach noch einmal nach, ob er da noch liegt. Dann ist er tot. Rufen Sie sofort die 112.“

Für ältere Menschen sei die Hitze besonders gefährlich. „Sie haben eine eingeschränkte Hautdurchblutung – sie geben also weniger Wärme an die Luft ab – und eine verringerte Schweißsekretion – deswegen weniger Verdunstungskühle. Sie haben weniger Durst, meist chronische Erkrankungen und nehmen oft Medikamente ein“, fasste die Allgemeinmedizinerin zusammen.

Unterzuckerung mit normaler Dosis Insulin

Gerade bei den Medikamenten sei es wichtig, vor der großen Hitze mit dem Hausarzt zu sprechen. „Bei einem Diabetiker kann die normale Dosis Insulin an heißen Tagen zur Unterzuckerung führen“, sagte die Ärztin. Grund: Um den Körper abzukühlen, erweitern sich bei Hitze die Blutgefäße, und die Haut wird deutlich stärker durchblutet. Das Insulin gelangt so deutlich schneller in den Kreislauf. Die Insulinwirkung setzt also rascher und oft heftiger ein. Aus demselben Grund könnten auch Opioid-Pflaster, die als Dauerschmerzmittel das ganze Jahr ohne Probleme auf der Haut geklebt und gewirkt haben, bei Hitze zu einer Opiumvergiftung führen, so die Ärztin.

Große Gefahr für Kinder

Neben den älteren Menschen nahm Dr. Sonja-Marie Micudaj auch die Kinder in den Blick. „Kinder haben dünnere Schädelknochen, bekommen leichter einen Sonnenstich, und er wird oft nicht richtig erkannt.“ Zum Beispiel, weil die Symptome später auftreten und dann nicht mehr mit dem Spielplatzbesuch am Mittag in Verbindung gebracht werden.

Auch sensibilisierte Micudaj für die dünnere Haut der Kinder. „Die Stammzellen sitzen dicht unter der Oberfläche, und die Sonne kann das Erbgut schädigen. Ich ärgere mich, wenn ich auch heute noch braun gebrannte Kinder sehe. Die Haut vergisst nicht. Immer mehr Menschen leiden schon heute an Hautkrebs.“

Dr. Sonja-Marie Micudaj betonte die Bedeutung des UV-Indexes. „Der wird in Deutschland völlig unterschätzt. Ab Stufe 3 sollten wir uns schützen, ab 8 die Sonne in der Mittagszeit komplett meiden. Wir werden durch den Klimawandel immer mehr Sommer haben, in denen wir die Kinder nicht rausschicken können, weil es einfach zu gefährlich ist.“

Ganz wichtig: strukturelle Hitzeanpassung

Hitze ist also schon heute – „und nicht erst für die nächste Generation“ – eine akute Gesundheitsgefahr. Was also tun? Laut Micudaj muss vor allem eine strukturelle Hitzeanpassung stattfinden. Hitzeschutzkonzepte für Einrichtungen müssten entwickelt und umgesetzt, Flächen entsiegelt und Abkühlungsmöglichkeiten geschaffen werden. Mehr Grünflächen, Bäume, Windkanäle – all das könnte helfen. „Die ökologische Krise muss verlangsamt werden: Klimaschutz und Artenschutz müssen von der Politik viel höher priorisiert werden.“

Jeder selbst könne etwas tun, um den Klimawandel auszubremsen, indem er zum Beispiel auf Flugreisen und Kreuzfahrten verzichte, Fahrrad oder Bus und Bahn statt Auto fahre und für Artenvielfalt im eigenen Garten sorge. Aber: „Der größte Punkt ist die Ernährung. Essen Sie kein Rindfleisch und bringen Sie andere Menschen dazu, kein Rindfleisch zu essen. Rindfleisch hat einen gigantischen Fußabdruck. Es geht nicht um den Sonntagsbraten, aber wir essen durchschnittlich ein Kilogramm Fleisch in der Woche. Wir müssen bei 300 Gramm liegen.“

Hitzesommer sorgt für mehr Interesse

Interessiert folgten die Besucher dem Vortrag der Allgemeinmedizinerin. „Ich habe diesen Sommer erlebt und gemerkt, dass es nicht mehr reicht, wenn ich in den Schatten gehe. Die Hitze macht träge, müde, und ich fühle mich belastet“, sagte Lore Hauschild. Deswegen hatte sie sich für der Vortrag, der im Rahmen des GKV-Projektes „Gesund in selbstorganisierten ZWAR-Nachbarschaftsnetzwerken“, in Kooperation mit der Stadt Greven, angeboten wurde, interessiert. „Ich wusste schon viel. Aber ihre Art und Weise, die Dinge auf den Punkt zu bringen, hat mir sehr gut gefallen“, sagte Andrea Stövesand.

Dr. Sonja-Marie Micudaj hat sich die Aufklärung über den Klimawandel und die Folgen für die Gesundheit zur Aufgabe gemacht. „Mein Hauptantrieb ist, dass ich meinen Kindern später in die Augen schauen will, wenn sie mich fragen: Was hast denn du gemacht, um das zu verhindern?“ Als sie 2021 das erste Mal einen Vortrag zum Thema Hitze angeboten habe, seien vielleicht fünf Leute gekommen. „In diesem Jahr sind die Vorträge super besucht, weil viele Menschen in diesem Sommer erkannt haben: So kann es nicht weitergehen.“